Die Amtszeit von Oberbürgermeister Christian Ude endete nach über 20 Jahren am 30. April 2014.

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Autor Joachim Kahmann am 21. September 2009
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Gesellschaft und Soziales

Ursprüngliche Wiesn oder Partymeile?

Sehr geehrter Herr Ude,

die Wiesn verliert zunehmend ihren ursprünglichen Charakter und wandelt sich zu einer Partymeile für junge Leute.

Als gebürtiger 40-jähriger Münchner gehe ich seit vielen Jahren auf die Wiesn. Das Schöne war immer das gemischte Publikum: Alt und Jung, Arbeiter und Akademiker, Münchner und nicht Münchner, Einheimische und Touristen. Und mit jedem war man nach kurzer Zeit per Du und man hatte zusammen Spaß.

Heute sieht es anders aus. In den Zelten ist zunehmend ein überwiegend junges Publikum, zum Teil sogar so jung, dass die Ordner die Ausweise kontrollieren müssen. Man sitzt nicht mehr an den Tischen, sondern steht - egal zu welcher Uhrzeit - hauptsächlich auf den Bänken. Es wird kaum noch gegessen, sondern in erster Linie getrunken. Es wird geflirtet und angebaggert, was das Zeug hält. Die Kapellen spielen schon am frühen Nachmittag einen Partyhit nach dem anderen. Unterhaltungen sind kaum noch möglich.

Im Prinzip ist es schön, dass die Wiesn so gut bei der Jugend ankommt. Ich freue mich über die vielen feschen Madl und Burschen. Und ich habe auch nichts gegen eine ordentliche Feier auf der Wiesn, zu der auch Bier und das Tanzen auf den Bänken gehören.

Das Problem ist, dass die für das Oktoberfest so typische Mischung beim Publikum verloren geht und sich damit der Charakter der Wiesn verändert. Die "Bayerische Gemütlichkeit" wird von einer wilden Party verdrängt, welche genau so gut in der Kultfabrik oder einer anderen "Party Location" stattfinden könnte. Dabei ist das Ganze ein Teufelskreis. Weil die Party auf der Wiesn so angesagt ist, kommen immer mehr junge Leute. Dadurch werden die Zelte immer früher wegen Überfüllung geschlossen. Es kommen nur noch diejenigen rein, welche viel Geduld mitbringen, den Türsteher überreden oder sonst irgendwen kennen der jemand kennt. Es gilt zunehmend "nur IN ist, wer DRIN ist". Jeder normale Münchner hat da schon längst abgedreht und setzt sich in den Biergarten, wenn dieser nicht auch schon gesperrt ist. Senioren habe ich in den Bierzelten schon lange nicht mehr gesichtet. Dafür bekommt man bereits als 40 jähriger von der Jugend nett gemeinte Komplimente, dass man so toll jung geblieben ist.

Die "Mittagswiesn" ist keine Lösung, schliesslich müssen die meisten Menschen tagsüber arbeiten. Ich möchte nicht einen Tag frei nehmen müssen, um auch mal auf die Wiesn gehen zu können. Ausserdem möchte natürlich auch ich zusammen mit meiner Frau im Bierzelt Spass haben, nette Leute kennenlernen, die eine oder andere Maß trinken und beim diesjährigen Wiesnhit auf den Bänken stehen.

Vielleicht kann man mit folgendem Vorschlag der Entwicklung etwas entgegenwirken. Wenn die Bierzelte wegen Überfüllung geschlossen sind, fehlt ein zentral kontrollierter Zugang, über den Jedermann ohne Reservierung mit etwas Geduld Zugang zum Zelt erhält. Schliesslich hat jeder Wiesnbesucher irgendwann genug und geht nach Hause. Aktuell läuft dieser Austausch ziemlich unkontrolliert über die Seiteneingänge. Über einen zentralen Zugang könnten die Zelte nicht nur die Menge sondern auch die Zusammensetzung des Publikums etwas steuern. Jeder Nachtclub in München sucht sich sein Publikum aus. Warum nicht auch die Wiesnzelte, wenn sie überfüllt sind? Diese müssten sogar ein Eigeninteresse daran haben, denn durch ein gemischtes Publikum lässt sich sicherlich auch der Umsatz steigern. Und die Stadt München könnte eine Verordnung oder Richtlinie über eine ausgeglichene Zusammensetzung des Publikums erlassen. Dann würde beispielsweise das rüstige Rentnerehepaar trotz geschlossener Zelte nach kurzer Zeit Zutritt erhalten, während die Horde Jugendlicher eventuell etwas länger warten müsste. Auf alle Fälle würden auch vermehrt "Erwachsene" wieder den Weg in das Bierzelt finden.

Mit freundlichen Grüßen,
Dr. Joachim Kahmann

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