Die Amtszeit von Oberbürgermeister Christian Ude endete nach über 20 Jahren am 30. April 2014.

Es können keine neue Fragen mehr gestellt oder bewertet werden. Bisherige Anfragen und Antworten sind weiterhin sichtbar.

Beantwortet
Autor Caspar Schmidt am 03. November 2009
14197 Leser · 37 Stimmen (-0 / +37) · 0 Kommentare

Planen und Bauen

Treitschkestraße umbenennen

Sehr geehrter Herr Ude,

mit Erstaunen habe ich kürzlich bemerkt, dass es in München eine „Treitschkestraße“ gibt. Ich bin mir sicher, es hat in der Vergangenheit deswegen schon Beschwerden gegeben, aber ich frage mich mit welcher Begründung diese verworfen wurden.

Immerhin war Treitschke der Mitbegründer eines „sauberen Antisemitismus“ der sich vom „Radau-Antisemitismus“ eines Wilhelm Maar abgrenzte und dadurch den Antisemitismus erst hoffähig machte. Treitschkes Parole „Die Juden sind unser Unglück“ ging unverändert in die Kampfschriften der Nazis ein. In zahlreichen Untersuchungen zum Thema Antisemitismus wird Treitschke gar als der „Begründer des Modernen Antisemitismus“ bezeichnet. Diesen Ruf hat er nicht zuletzt durch seine Aufsätze im Rahmen des „Antisemitismusstreits“ (1879-1881) „erlangt“.

Bezeichnender Weise liegt die „Treitschkestraße“ keinen Steinwurf von der „Dachauer Straße“ entfernt; ein räumliches Setting, das Ursache und Wirkung kaum besser im Zusammenhang zeigt.

Eine Straße „zu Ehren“ von Treitschke ist nicht nur ignorant gegenüber den vergangenen Antisemitismusopfern, sondern auch ignorant gegenüber den Juden, die heute in München leben. Was halten Sie von meinem Vorschlag die Treitschkestraße in Lion-Feuchtwanger-Straße umzubenennen? Ich mag mich irren, aber soweit mir bekannt ist, ist dem Autoren, der viel Zeit in München verbrachte und der in seinem Buch „Erfolg“ das damalige München so treffend beschrieb, noch keine Straße gewidmet.

Mit freundlichen Grüßen
Caspar Schmidt

+37

Über diesen Beitrag kann nicht mehr abgestimmt werden, da er bereits beantwortet wurde.

Antwort
von Christian Ude am 03. Dezember 2009
Christian Ude

Sehr geehrter Herr Schmidt,

vielen Dank für Ihre Frage auf „direktzu“, in der Sie eine Umbenennung der Treitschkestraße in München in Lion-Feuchtwanger-Straße vorschlagen.

Heinrich von Treitschke gilt auch heute in Fachkreisen als bedeutender Historiker, der zwar keine eigene Schule begründete, aber etwa durch seine fünfbändige „Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert“ der Geschichtswissenschaft wichtige Impulse gegeben hat.

Zu Recht weisen Sie aber auf Treitschkes fragwürdige Haltung gegenüber den Juden hin. Aus heutiger Sicht war Treitschke sicherlich ein Nationalist und Antisemit; seine Äußerungen müssen aber im historischen und politischen Kontext des 19. Jahrhunderts gesehen und bewertet werden. Treitschke selbst hatte sich nie als Antisemit gesehen und der Historiker Golo Mann charakterisierte Treitschkes Haltung durchaus differenziert: „Zugleich mit der Judenemanzipation, der neuen bürgerlichen Angleichung, erscheint der neue Antisemitismus. Aber er ist zunächst nicht das, was wir uns darunter vorstellen; er verlangt nicht Ausschließung, sondern völlige Angleichung und Bescheidenheit in der Angleichung; er verlangt Ausschließung nur derer, die sich nicht angleichen wollen. Ich will Ihnen für diese Ansicht, diese Haltung nur ein merkwürdiges Beispiel geben, das des deutschen Historikers Heinrich von Treitschke. Dieser große Schriftsteller gilt gemeinhin als Antisemit, und das war er auch; dennoch hätten etwa die Nazis mit seinem Antisemitismus durchaus nichts anfangen können. Treitschke war ein leidenschaftlicher, zorniger Patriot, sehr entschieden in seinem Urteil, aber mit einem schönen Sinn für das Gerechte und Wahre; etwas Unwahres, etwas Gemeines wäre nie aus seiner Feder gekommen. Und so sah Treitschke nur eine mögliche Lösung der Judenfrage in Deutschland: völliges Aufgehen des zahlenmäßig so geringen Judentums im Deutschtum, Preisgabe jedes eigenen jüdischen Lebensstiles.“

Auch der von Ihnen zitierte Satz „Die Juden sind unser Unglück“ aus Treitschkes Aufsatz „Unsere Aussichten“ von 1879 sollte gerade nicht seine eigene Einstellung wiedergeben, sondern den von ihm bekämpften „Radau-Antisemitismus“ charakterisieren. Seine Inanspruchnahme und Instrumentalisierung durch die Nationalsozialisten ist für die Stadt nicht Grund genug, eine Straßenumbenennung zu veranlassen.

Was Ihren Vorschlag anbelangt, die Treitschkestraße in Lion-Feuchtwanger-Straße umzubenennen, darf ich Ihnen mitteilen, dass es in München bereits seit dem Jahre 1964 eine „Feuchtwangerstraße“ gibt. Die amtliche Namenserläuterung lautet:

„Feuchtwanger, Münchner Bürgerfamilie, die namhafte und um das kulturelle und wirtschaftliche Leben der bayer. Landeshauptstadt verdiente Mitglieder aufzuweisen hat und in der Zeit des Dritten Reiches schweren politischen Verfolgungen aus rassischen Gründen ausgesetzt war.“

Mit freundlichen Grüßen