Die Amtszeit von Oberbürgermeister Christian Ude endete nach über 20 Jahren am 30. April 2014.

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Beantwortet
Autor Antonie Roll am 18. März 2013
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Bildung und Kultur

Tagesheim- Ganztagesbetreuung

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Christian Ude,

Soeben habe ich vom Schul- und Kultusreferat eine Ablehnung des Antrags auf Aufnahme meiner Tochter am städtischen Tagesheim bei der Grundschule München an der Hochstraße 31 erhalten.

Als junge, alleinerziehende Mutter zweier Kinder hängt von dieser Entscheidung meine Existenzgrundlage ab. Mein Schreiben soll meiner tiefsten Empörung gegenüber der Entscheidung der Einrichtung aber auch gegenüber der Bildungs- und Sozialpolitik der Stadt München und des Sozialstaates Ausdruck verleihen.

Ich arbeite als Gesundheits- und Krankenpflegerin im OP eines Universitätsklinikums in München. Ich bin stolz, dadurch meine zwei Kinder versorgen zu können. Derzeit besuchen beide den Betriebskindergarten. Bei meiner Berufswahl war ich noch nicht alleinerziehend und habe mich meiner Neigung nach für diesen Sozialberuf entschieden. Dass Beruf und Mutterrolle schwierig miteinander zu vereinbaren sind, wurde mir schnell klar. Aber nie kam es für mich in Frage, Arbeitslosengeld in Anspruch zu nehmen. Meine Überzeugung war es, dass es wichtig sei, einen Dienst für die Gesellschaft zu erbringen. Es ist nichts Neues, dass soziale Berufe, wie der der Krankenschwester, weder finanziell noch gesellschaftlich anerkannt sind. In allen Krankenhäusern herrscht chronischer Personalmangel, da Stellen eingespart werden, die Arbeisbelastung ist immens, man arbeitet im Schichtsystem und das bei geringer Bezahlung. Trotzdem mache ich meine Arbeit gerne und halte sie für sinnvoll und wichtig für die Gesellschaft. Im Gegenzug erwarte ich jedoch auch Unterstützung.

Durch die Entscheidung darüber, dass meine Tochter keinen Platz am Tagesheim bekommen soll, bin ich gezwungen meinen Beruf aufzugeben, da die Betreuung meiner Tochter während der Arbeitszeit nicht gegeben ist. Um 7h30 muss ich zum Einschleusen im OP sein, das heißt, dass die Kinder ab 7 Uhr bzw. 7h15 betreut sein müssen. Dies ist an der Sprengelschule, welche um 8 Uhr beginnt und keine Frühbetreuung anbietet, nicht der Fall. Aus diesem Grund lag meine einzige Hoffnung, meinem Beruf weiterhin nachgehen zu dürfen, an der Aufnahme an der Tagesheimschule.

Doch „leider reichten bei der Vielzahl der Anmeldungen die vorhandenen Plätze nicht aus um (mein) Kind zu berücksichtigen“ (Zitat aus dem Schreiben zur Ablehnung). Dies lässt vermuten, dass es wohl mehrere Eltern bzw. alleinerziehenden Mütter in ähnlicher Situation gibt.

Für mich stellt sich nun eine Grundlegende Fragen. Nämlich die Frage danach, was der Staat von mir als Soziales Wesen erwartet. Ich fühle mich in meiner Arbeit ganz und gar nicht wertgeschätzt. Immer wieder muss ich dafür kämpfen täglich in die Arbeit gehen zu dürfen. Blicke ich heute auf meine Berufswahl zurück, muss ich feststellen, dass die Annahme eines existierenden Generationenvertrags naiv war. Jetzt spüre ich, wie es ist, auf die Unterstützung der Gesellschaft angewiesen zu sein und wie enttäuschend es ist, keine Unterstützung zu bekommen, obwohl ich selbst mein Bestes gegeben habe, um einen Dienst an die Gesellschaft zu geben.

Wie soll ich meinen Kindern Werte vermitteln, sie soll ich ihnen diese Welt erklären?

Da ich mit meinen Steuern das System, für das Sie und ich arbeiten, mittrage, erwarte ich von Ihnen die Mitteilung, welche Lösung Sie mir anzubieten haben: wie kann ich mein Kind ab 7°° morgens betreuen lassen, um morgens pünktlich im OP zu sein. Welchen Weg schlagen Sie mir vor, um doch noch an der ablehnenden Stelle Aufnahme zu finden, bzw. welche Alternative bieten Sie an. Soll ich zusätzlich zu Kindergarten und Hortgebühren jetzt einen privaten Babysitter engagieren, der meine Tochter täglich von 7 bis 8Uhr betreut und wie sollte ich mir diesen leisten?

Würde ich resignieren, wäre nun der Zeitpunkt, auf Antworten zu warten und solange Arbeitslosengeld in Anspruch zu nehmen. Ich werde nicht aufgeben, bevor ich eine Lösung habe. Bitte tragen Sie Ihren Teil dazu bei.

Mit freundlichen Grüßen,

A.Roll

+280

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Antwort
von Christian Ude am 22. Juli 2013
Christian Ude

Sehr geehrte Frau Roll,

ich freue mich, dass Sie inzwischen einen Betreuungsplatz für Ihre Tochter erhalten haben. Lassen Sie mich aber die Gelegenheit nutzen, um einige Anmerkungen zur Betreuungssituation für Grundschulkinder in München zu machen.

Der Ausbau der nachmittäglichen Betreuungsplätze besitzt in München seit Jahren einen besonders hohen Stellenwert. Seit dem Jahr 2000 sind in München 12.566 Betreuungsplätze für Grundschulkinder neu entstanden.

Die Landeshauptstadt München baut aber nicht nur ihre eigenen Angebote weiter aus, sondern fördert auch die Angebote anderer Träger und unterstützt den Ausbau von gebundenen Ganztagsangeboten an den staatlichen Grundschulen nachhaltig. Im städtischen Mehrjahresinvestitionsprogramm sind im Zeitraum 2012 - 2016 für Maßnahmen zum Ausbau von Ganztags- angeboten 25,3 Millionen Euro vorgesehen.

84,5% der Eltern wünschen sich eine ganztägige Betreuung für ihr Kind in der Grundschule, 41% favorisieren dabei Ganztagsklassen. Diese Zahlen sind das Ergebnis der alljährlich vom Referat für Bildung und Sport durchgeführten Befragung von Eltern, deren Kinder im Herbst eingeschult werden.

Der aktuelle Versorgungsgrad für Münchner Grundschulkinder mit Plätzen in Horten, Tagesheimen, Mittagsbetreuungen, Ganztagsklassen und sonstigen Angeboten liegt derzeit bei rund 70 %. Den größten Anteil im vorhandenen Angebot stellen mit 40,1% die Horte und Tagesheime. Sehr erfreulich ist die Versorgungsquote der 6- bis 10-Jährigen in Ganztagsschulen, Horten, Tagesheimen, Mittagsbetreuungen und Eltern-Kind-Initiativen in Ihrem Stadtbezirk – Isarvorstadt-Ludwigsvorstadt - diese liegt bei 84%.

Die Zahl der Münchner Grundschulen mit Ganztagsklassen hat sich zwar von 9 Schulen im Schuljahr 2009/2010 auf 39 im aktuellen Schuljahr 2012/13 erhöht (bei 132 Grundschulen insgesamt). Dennoch liegt der Anteil der Ganztagsklassen am gesamtstädtischen Versorgungsgrad erst bei 4,4%. Mit Blick auf das Ergebnis der Elternbefragung muss es Ziel sein, die Zahl der Grundschulen mit Ganztagsklassen weiter kontinuierlich zu erhöhen.

Der Münchner Stadtrat hat bereits mit einem Grundsatzbeschluss im Jahr 2008 die Bereitschaft erklärt, den Sachaufwand für jede vom Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus genehmigte Ganztagsklasse zu übernehmen. Selbstverständlich wird bei jedem Schulneubau und bei jeder Generalinstandsetzung der Raumbedarf für Ganztagsunterricht mit berücksichtigt.

Ich wünsche Ihnen und Ihren Kindern für die Zukunft alles Gute.

Mit freundlichen Grüßen


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  1. Autor Victoria zschäge
    am 23. März 2013
    1.

    Hallo meine Liebe! Du sprichst mir aus der Seele! Ich wünsche dir ganz viel Glück!LG

  2. Autor Stefan Ek
    am 29. März 2013
    2.

    Lieber Herr Oberbürgermeister Ude und lieber Herr Schulreferent Schweppe,

    jetzt ist es an der Zeit, Ihren angekündigten sozialen Vorhaben Taten folgen zu lassen. Vielleicht fragen Sie ja auch bei selbstorganisierten Elterninitiativen nach, um für Frau Roll und ihre Tochter eine Lösung zu finden? Bald sind Wahlen und viele Leser hier verfolgen gespannt, was Sie Frau Roll anbieten werden.

    Mit freundlichen Grüßen

    Stefan Ek

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