Die Amtszeit von Oberbürgermeister Christian Ude endete nach über 20 Jahren am 30. April 2014.

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Beantwortet
Autor Matthias Ross am 12. Dezember 2011
7572 Leser · 161 Stimmen (-13 / +148) · 3 Kommentare

Mobilität und Verkehr

Sicherheit für Radfahrer oder Platz für Autos - was ist wichtiger?

Sehr geehrter Herr Ude,

letzte Woche kam es zu einem schweren Unfall in der Rosenheimer Straße - an einer Stelle, die laut SZ-Bericht offenbar der Stadt als besonders gefährlich bekannt ist, wo eine Lösung allerdings daran scheiterte, dass man für eine sichere Gestaltung keine PKW-Stellplätze und -fahrbahn opfern wollte.

Ich frage Sie: stimmt das? Wenn diese Stelle bekannt ist, warum wurde nichts unternommen? Tatsächlich, um einige PKW-Stellplätze erhalten zu können?

In der ganzen Stadt ist zu bemerken, dass Radfahren beinahe täglich unsicherer wird. Mehr und größere Autos, die immer mehr Platz brauchen während die Straßen nicht mitwachsen können, dazu Baustellen an jeder Ecke - es wird zum Risiko für Leib und Leben, auch wenn man selbst alle Regeln befolgt.

Auf meinem täglichen Weg zur Arbeit - 10 Minuten mit dem Rad durch Schwabing - erlebe ich beinahe täglich Situationen, die ich trotz Befolgung aller Verkehrsregeln nur mit Glück und total defensivem Verhalten überstehe, meist weil Autofahrer schlicht nicht auf Radler schauen, oft aber auch, weil die Verkehrsführung so ungünstig ist, dass Autofahrer an dieser Stelle mit Radfahrern nicht rechnen bzw. sie überhaupt nicht sehen können - diese aber DA SIND, etwa weil der Radweg an absurden Stellen vom Bürgersteig auf die Straße geleitet wird, zwar mit farblicher Markierung auf dem Boden abgetrennt, aber oft schwer zu erkennen. Diese augenscheinliche Gewichtung - komfortabler Autoverkehr ist wichtiger als Leib und Leben aller anderen Verkehrsteilnehmer - finde ich unfassbar.

Ich bitte Sie im Namen aller Radler: machen Sie es sicherer, für die täglichen Wege in der Stadt Rad und ÖPNV zu benutzen und nicht das Auto! Dazu gehört vielleicht auch, dass Autofahren in der Stadt nicht mehr für jeden Bürger und für jeden Weg die attraktivste Alternative sein muss. Der zunehmende Autoverkehr wird zu einer immer größeren Beeinträchtigung der Lebensqualität für alle, die nicht sicher im Innern von anderthalb Tonnen Stahl sitzen.

Lieber Herr Ude: was werden Sie dafür tun, dass München keine auto- sondern eine menschengerechte Stadt bleibt (oder an so manchen Stellen endlich wird)?

Wird das Auto wichtiger genommen als der Mensch?

Mit freundlichen Grüßen

+135

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Antwort
von Christian Ude am 16. Februar 2012
Christian Ude

Sehr geehrter Herr Ross,

anlässlich des tödlichen Fahrradunfalls in der Rosenheimer Straße fordern Sie eine Änderung der Rahmenbedingungen der städtischen Verkehrsplanung zu Gunsten des Fuß- und Radverkehrs.

Grundsätzlich ist hier zunächst zu bemerken, dass es selbstverständlich das oberste Ziel aller städtischen Verkehrsplanungen ist, Unfälle - und vor allem tödliche Unfälle - zu vermeiden. Wenn Unfälle geschehen, werden diese in Zusammenarbeit mit der Polizei sorgfältig analysiert, und es werden daraus nach Möglichkeit konkrete Maßnahmen entwickelt und ggf. umgesetzt, um die Sicherheit zu erhöhen. Auch wenn die Statistik natürlich die Trauer um jeden einzelnen im Straßenverkehr getöteten Menschen nicht relativieren kann und soll, steht München im Vergleich zu anderen deutschen Städten gerade hinsichtlich der tödlichen Radverkehrsunfälle gut da. Trotz des in den letzten Jahren sehr stark gestiegenen Radverkehrsaufkommens ist die Zahl der jährlich getöteten Radfahrerinnen und Radfahrer glücklicherweise nicht angestiegen.

Die Rahmenvorgaben der städtischen Verkehrsplanung sind im Verkehrsentwicklungsplan festgelegt, der zuletzt am 15.3.2006 durch den Stadtrat fortgeschrieben wurde. Entsprechend der Leitlinie des Stadtentwicklungskonzepts "Perspektive München" ("kompakt-urban-grün") ist hier bereits festgelegt, dass Verkehre in erster Linie durch Angebote im Wohnumfeld (Schulen/Kinderbetreuung, Versorgung, öffentliche Verkehrsmittel, Grünbereiche,...) zu vermeiden sind, dann auf umweltverträgliche Verkehrsmittel (Fuß, Rad, öffentlicher Verkehr) verlagert werden sollen und der verbleibende motorisierte Fahrverkehr stadt- und umweltverträglich abgewickelt werden soll.

Darauf aufbauend hat der Stadtrat der Landeshauptstadt München im Mai 2009 im Rahmen des Grundsatzbeschlusses "Radverkehr in München" (siehe http://www.ris-muenchen.de/RII2/RII/ris_vorlagen_dokument...) der Verwaltung für die Radverkehrsplanung neue Ziele vorgegeben. So soll der Anteil der im Radverkehr zurückgelegten Wege der Münchnerinnen und Münchner bis 2015 auf mindestens 17% steigen. Im Jahr 2008 war München mit einem Radverkehrsanteil von 14 % bereits führend unter den Metropolen in Deutschland. Gleichzeitig wurde festgeschrieben, dass sich die Zahl der schwerverletzten und getöteten Radlerinnen und Radler jährlich reduzieren soll.
Sie sehen, dass die Ziele der städtischen Verkehrsplanung durchaus Ihrer Intention entsprechen. In einer Stadt wie München mit ihrer großen Flächenknappheit vor allem in den innerstädtischen Gebieten müssen jedoch bei allen Maßnahmen die Interessen aller Beteiligten sorgsam abgewogen werden. Hierzu gehört auch der motorisierte Verkehr, insbesondere z.B. der Wirtschaftsverkehr.
Dass die städtische Verkehrsplanung in die richtige Richtung wirkt, ist unter anderem daran erkennbar, dass die Zahl der Kraftfahrzeuge, die von außen in die Innenstadt einfahren, sich in den letzten Jahren deutlich reduziert hat. Im Sinne der oben genannten Ziele arbeitet die Verwaltung weiter mit hoher Priorität an einer Verbesserung der Situation für Alle, die sich in München zu Fuß, mit dem Rad und mit öffentlichen Verkehrsmitteln fortbewegen wollen.
Nähere Informationen zur städtischen Radverkehrsförderung können Sie unserer Broschüre "Radverkehr in München" (http://www.radlhauptstadt.muenchen.de/broschueren/radverk...) entnehmen.

Wir hoffen, dass Sie bei Ihren täglichen Wegen mit dem Rad künftig die Erfolge unserer Anstrengungen zur Verbesserung des Radverkehrssystems selbst erleben und trotz allem verständlichen Frust und Ärger auch die schönen Seiten des Radfahrens in München genießen können.

Mit freundlichen Grüßen


Kommentare (3)Schließen

  1. Autor Martin Wunderlich
    am 13. Dezember 2011
    1.

    Bravo. Vielen Dank fuer diesen Beitrag. Ich stimme Ihnen voll und ganz zu, Herr Ross.

  2. Autor Matthias Ross
    am 16. Dezember 2011
    2.

    Weitere Informationen zum erwähnten Unfall:
    http://www.sueddeutsche.de/muenchen/unfall-in-haidhausen-...

  3. Autor Robert Sommer
    am 29. Januar 2012
    3.

    Nina H. befuhr den für Radler benutzungspflichtigen Radfahrstreifen, der von Kraftfahrern täglich als Fahrfläche, Parkplatz und Ladezone benutzt wird: https://www.dropbox.com/photoshow/irre%20Radwege/Rosenhei...
    Ist Nina in eine amtlich angeordnete Todesfalle geraten, oder können OB Ude, Stadtverwaltung und Verkehrsbehörde diesen Eindruck entkräften?

    Offene Fragen:
    Auf der Rosenheimer Straße gibt es für stadtauswärts fahrende Kraftfahrer zwei Fahrstreifen. Der rechte verschmälert sich dort, wo der Radfahrstreifen in den rechten Kfz-Fahrstreifen einmündet und Nina totgefahren wurde (kurz nach der einmündenden Balanstraße).
    1. Um Radlern Schutz zu bieten, ist der Radfahrstreifen nicht breit genug. Er hat ungenügenden Abstand sowohl zum Kfz-Fahrstreifen als auch zum Parkstreifen. Warum befindet sich das Ende des Radfahrstreifens im sich verengenden Kfz-Fahrstreifen und gleichzeitig im Türschwenkbereich der auf dem Parkstreifen parkenden Kraftfahrzeuge?
    2. Was tut die Verkehrsbehörde gegen das übliche, aber verbotene Überfahren des Radfahrstreifens?
    3. Warum wird keine reduzierte maximale Fahrgeschwindigkeit von z.B. 30 km/h angeordnet, zumindest so lange die weiter bestehenden akuten Gefahren nicht beseitigt sind?
    4. Der Radfahrstreifen an der einmündenden Balanstraße darf von Kraftfahrern nicht überfahren werden. Im Gegensatz dazu muss der Radfahrstreifen gegenüber dem Gasteig von Kraftfahrern überfahren werden, die ihn als Halte- und Ladezone nutzen oder den dahinter liegenden Parkstreifen befahren und beparken. Was ist zum ins Gegenteil verkehrten Radlerschutzstatus der angesprochenen Radfahrstreifen in der Rosenheimer Straße zu sagen?
    Nebenbei:
    Würde Nina heute noch leben, wenn Autofahrer der Empfehlung http://bernd.sluka.de/Radfahren/vgr.html gefolgt wären und sie den Radfahrstreifen zur Tatzeit beparkt hätten? Autofahrer der „Radlhauptstadt München“ tun dies im Umkreis des Tatorts täglich dutzendfach – nur leider anscheinend nicht zur Tatzeit.

    Weitere Fotos vom Tatort:
    https://www.dropbox.com/photoshow/irre%20Radwege/Rosenhei...
    https://www.dropbox.com/photoshow/irre%20Radwege/Rosenhei...
    Hier der Pressebericht des Polizeipräsidiums: http://www.polizei.bayern.de/muenchen/news/presse/aktuell...

    Weitere irre Wege für Radler – weitere offene Fragen

    Rosenheimerstraße gegenüber dem Gasteig Kulturzentrum:
    https://www.dropbox.com/photoshow/irre%20Radwege/Rosenhei...
    Rosenheimerstraße/Orleanstraße:
    https://www.dropbox.com/photoshow/irre%20Radwege/Rosenhei...
    Ohlmüllerstraße/Zeppelinstraße:
    https://www.dropbox.com/photoshow/irre%20Radwege/Ohlm%C3%... #gallery:0
    Humboldstraße/Pilgersheimerstraße:
    https://www.dropbox.com/photoshow/irre%20Radwege/Humboldt... #gallery:0
    Belfortstraße/Breisacherstr:
    https://www.dropbox.com/photoshow/irre%20Radwege/BelfortB... #gallery:0

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