Die Amtszeit von Oberbürgermeister Christian Ude endete nach über 20 Jahren am 30. April 2014.

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Beantwortet
Autor Christine Bauer am 11. April 2011
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Planen und Bauen

Münchens dritte Zerstörung - Betonklötze und sonstige Katastrophen

Sehr geehrter Herr Ude,

was passiert um Himmels Willen mit der Architektur und dem Stadtbild in München? Was machen Sie aus dieser Stadt?

Wie kann es sein, dass die allerschönsten und charmantesten Häuser Münchens und Umgebung einfach abgerissen werden, leerstehen oder verfallen dürfen und ein abscheulicher und nichtssagender Betonklotz nach dem anderen, dicht an dicht in diese Stadt gewürgt wird?

Die gesamte Gegend zwischen Friedenheimer Brücke, Hackerbrücke, Hauptbahnhof und Donnersberger Brücke wird derartig zerstört, dass es einem das Wasser in die Augen treibt.

Sie glauben hoffentlich nicht, dass man da gerne draufschaut? Diese ehemals wunderschöne Stadt wird in wenigen Jahren in großen Teilen wie ein einziges Gewerbegebiet aussehen, ein menschenfeindliches, hochaggressives und eckiges Architekturmodell mit unzähligen "Büroräume zu vermieten"-Schildern und "Wohnung verzweifelt gesucht"-Zetteln an den letzten einbetonierten Bäumen.

Haben Sie schon einmal die "Büroräume zu vermieten"-Plakate gezählt, die an all den leerstehenden und neu gebauten Betonklötzen hängen?

Fährt man im Norden auf die Nürnberger Autobahn sieht man links, wie unsere Stadt irgendwann aussehen wird. Flachdachschachteln, Klötze, Kartons aus Beton. Alles tot und kalt. "Erst formen wir unsere Gebäude, dann formen unsere Gebäude uns", sagte Winston Churchill. Wie recht er haben wird.

Die schlimmsten und häßlichsten Bausünden aus den 70ern mit ihren Betonklötzen werden heute wiederbelebt unter dem Begriff "Moderne". Reichen diese Abscheulichkeiten von damals nicht, die immer noch die Stadt und schönste Wohngebiete verschandeln, haben die Stadtplaner bzw. Frau Thalgott und jetzt Frau Merk nichts daraus gelernt? Fällt den Architekten seit Jahrzehnten nichts anderes ein außer Grau, Stahl, Glas und Ecken, Kanten, schwarze Löcher als Fenster oder sind Sie es, die diese Zerstörung so unterstützen?

Der neueste Trend ist langweilige Asymmetrie, die unregelmäßige Verschachtelung von Beton und Fenstern. Warum werden keine Häuser mehr gebaut, auf die man Vergnügen schauen kann und mag? Keine einfach wohltuenden, designlosen Plätze mehr, auf denen man gerne sitzt?

Nun die große Frage: Warum werden diese Gebäude genehmigt von der Stadt?

Ich habe mit wirklich sehr, sehr vielen und ganz unterschiedlichen Münchnern jeglichen Alters über dieses Thema gesprochen und alle sehen das ähnlich, keiner weiß aber, wohin er seine Verzweiflung, seine Wut und sein Bitte nach Veränderung richten kann, damit er gehört wird. Mir wurde gesagt, man müsse 2500 Unterschriften sammeln, um bei der Stadt etwas bewegen zu können, um angehört zu werden. Dies wird kein Problem sein, da NIEMAND diese Flachdach-Klötze mag. Niemand fühlt sich wohl mit abweisenden, kalten, glatten Beton-Glas-Stahl-Bauten, wir möchten wieder Häuser haben, auf die man über viele Jahre gerne blickt, die Auge, Herz UND sogar noch unsere Enkel erfreuen, die uns gut tun. Wir Menschen wollen keine architektonischen Designverwüstungen mit Flachdächern, die uns und die gesamte Umwelt krank machen. Da helfen auch keine poetischen Sprüche auf Bautafeln.

All diese Gründe haben bereits die "tz" dazu veranlasst, nun eine Serie über die zweite Zerstörung Münchens zu veröffentlichen, da es immer mehr Menschen gibt, die anfangen, sich Gedanken darüber zu machen, die langsam an der modernen Verhässlichung Münchens (und der restlichen Welt) verzweifeln.

Das Buch "Die zweite Zerstörung Münchens" ist Ihnen sicherlich bekannt - in den Siebzigern begann die "Dritte Zerstörung" , deren Höhepunkte die Stadt im Moment mit herausragendem Erfolg anstrebt.

Daher meine Frage: Was können wir Münchner tun, um eine Veränderung zu bewirken und um etwas anzustoßen, damit alte Gebäude gerettet und sinnvoll bewohnt werden können und eine menschenfreundlichere, langlebigere, abwechslungsreiche und zeitlos schöne Architektur wieder Einzug halten kann in diese Stadt? Wieviele Unterschriften brauchen Sie, damit wir Münchner gehört werden in dieser Thematik?

Ich bedanke mich herzlich für Ihre Antwort.

Mit freundlichen Grüßen
Christine Bauer

+106

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Antwort
von Christian Ude am 05. Oktober 2011
Christian Ude

Sehr geehrte Frau Bauer,

trotz der starken Kriegszerstörungen besitzt München noch einen großen Bestand historischer Gebäude. Die Münchner Denkmalliste zählt über 8.000 Einzelbaudenkmäler und mehr als 70 Ensembles. Diese alten Häuser sind heute sehr begehrt und erfreuen sich durchweg eines guten Zustandes, so dass ein Verfall oder Leerstand dieser Häuser nicht zu befürchten ist.

Selbstverständlich unternimmt die Stadt auch darüber hinaus große Anstrengungen, um Gebäude wie die Seidlvilla, die Mohrvilla, das Pelkovenschlössl, den Giesinger Bahnhof oder das Hildebrandhaus nicht nur zu bewahren, sondern einer aktiven kulturellen Nutzung zuzuführen. Auch der Erhalt der Herbergshäuser in Haidhausen und Giesing und der Kongresshalle auf der Theresienhöhe mit der Öffnung der historischen Bavariapark-Anlagen sind Beispiele für den sorgsamen Umgang mit unserem baulichen Erbe.

Zu Fragen, die für die Erhaltung oder weitere Gestaltung des Münchner Stadtbildes von erheblicher Bedeutung sind, berät die Stadt eine eigene Kommission für Stadtgestaltung. Diese Beratung betrifft insbesondere die Errichtung oder Änderung von Bauten mit repräsentativem oder monumentalem Charakter, Hoch-, Tiefbaumaßnahmen und Freiflächenplanungen von besonders großem Umfang oder einschneidender Bedeutung für das Stadtbild sowie die wesentlichen baulichen Veränderungen an historisch oder baukünstlerisch wertvollen Straßen und Plätzen.

Um die Attraktivität des Münchner Stadtbildes zu erhalten und zu verbessern, werden darüber hinaus nicht nur bei einer Vielzahl von Bebauungsplanverfahren mehrstufige Wettbewerbsverfahren durchgeführt, sondern auch öffentliche Diskussionen, Bürgerversammlungen, Erörterungsveranstaltungen oder Workshops angeboten, um der Öffentlichkeit die Möglichkeit zu geben, sich zu geplanten Bebauungen zu äußern.

Ein wesentliches Ziel der Stadtplanung ist es, München für alle Bürgerinnen und Bürger lebenswert zu gestalten und gleichzeitig dem stetigen Wachstum Rechnung zu tragen.
Dabei kann die Stadt als lebendiger Organismus nicht nur beim Status quo verharren, sondern muss sich auch beständig wandeln und erneuern können. Es gilt u.a. neue Elemente qualitätsvoll zu gestalten und bestehende Werte zu bewahren. Welche Gestaltung dabei auf Dauer tragfähig ist, kann durchaus kontrovers diskutiert werden und lässt sich meist erst mit deutlichem zeitlichen Abstand objektiv beurteilen.

Viele Münchner Gebäude, die heute allgemein hoch geschätzt werden, waren zu ihrer Bauzeit stark umstritten. So mokierte sich z.B. Karl Valentin über das damals neue städtische Hochhaus an der Blumenstraße dergestalt, dass es jetzt in München „neuyorkelt“. Heute ist dieses Hochhaus als Einzelbaudenkmal geschützt. Ähnlich erging es der Maximilianstraße, deren Gestaltung auf einem Wettbewerbsergebnis basiert und von den Zeitgenossen durchaus kritisch aufgenommen wurde.

Mit freundlichen Grüßen


Kommentare (4)Schließen

  1. Autor Martin Wunderlich
    am 11. April 2011
    1.

    Liebe Frau Bauer,

    vielen Dank fuer diesen Beitrag! Als gebuertiger Muenchner, der viele Jahr im Ausland verbracht hat, kann ich Ihnen nur zustimmen. Die Stadt wird scheinbar systematisch verschandelt und in einer globalisierten Einheits-Architektur voellig anonymisiert. Trauriger Hoehepunkt dieser Entwicklung ist die Verschandelung der Sichtachse der Leopoldstr. zur Erloeserkirche durch die Buerotuerme der Parkstadt "Schwabing".

    Meine Unterschrift haetten Sie auf jeden Fall. Die uebrigen 2498 duerften leicht zu beschaffen sein.

    MW

  2. Autor Jelena Moro
    am 11. April 2011
    2.

    Liebe Frau Bauer,
    Sie sprechen mir quasi nicht aus der Seele, Sie schreien mir damit aus der Seele.

  3. Autor Sabine Kiermaier
    am 14. April 2011
    3.

    Liebe Frau Bauer,
    ich bin genau der gleichen Meinung wie Sie! Die Stadt wird systematisch mit immer gleichen eintönigen Glas-Metall-Betonklötzen verschandelt. Ich komme aus dem Münchner Westen, hier wird gerade von Pasing bis zum abgrundtief häßlichen ZOB an der Hackerbrücke alles zu einem absolut phantasielosen langweiligen und sterilen Stadtteil verwandelt. Man fragt sich schon, wer die Architekten und Planer aus welchen Gründen ausgewählt hat. Es ist ein Trauerspiel, und leider scheint keine Grenze in Sicht zu sein, stattdessen werden immer mehr Gewerbe- und Einkaufsgebiete erstellt. Für Freiraum bleibt garnichts mehr, es soll wohl nur noch ums Geld gehen. Das nennt sich dann Stadtentwicklung. Meine Unterschrift gegen diese Entwicklung gebe ich gerne.

  4. Autor Johannes Haslauer
    am 05. Mai 2011
    4.

    Liebe Gleichgesinnte,
    auch ich bemerke allseits große Unzufriedenheit mit den aktuellen Entwicklungen. Gerade im Feld des Denkmalschutzes lässt sich sicher mehr erreichen, wenn sich die Engagierten zusammenschließen und ihre Anliegen mit guten, überzeugenden Argumenten gemeinsam vertreten. Ansätze hierzu gibt es, am ersten Juniwochenende soll auf einer Tagung in Tutzing der Versuch gemacht werden, die Vernetzung voranzubringen. Ich selbst werde dabei sein und würde mich über viele weitere, aktive Teilnehmer freuen! Infos gibt es hier: http://web.ev-akademie-tutzing.de/cms/index.php?id=576&am....

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