Die Amtszeit von Oberbürgermeister Christian Ude endete nach über 20 Jahren am 30. April 2014.

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Beantwortet
Autor S. Dr. Lehr am 26. Januar 2012
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Umwelt und Gesundheit

MSE

Sehr geehrter Herr OB,

wieso fordert die MSE eine Druck-Dichtheitsprüfung und wieso genügt nicht eine Kamerafahrt?
Eine Druck-Dichtheitsprüfung darf nicht gefordert werden! Wenn überhaupt: nur drucklose Prüfung.
Begründung:
Dichtungen, insbesondere Teerstrickdichtungen werden durch Druck dislociert = undicht. Ausserdem wird bei einer Wasserhärte von durchschnittlich 14,4 dH jedes Leck sofort zugekalkt; an jedem Strahlregler (Perlator) leicht zu beobachten. Auch diese Abdichtung wird natürlich abgesprengt.
In einem Freispiegelkanal gibt es im Betrieb lediglich einen Druck von Zentimetern Wassersäule; folglich darf man ihn auch nicht mit einigen Metern Wassersäule undicht prüfen um dann zu sagen: "aha bis zu 80% der Kanäle sind nicht ganz dicht". Dieses Prädikat trifft eher zu 100% auf die zu, die realitätsfremd, so etwas vollkommen Überzogenes fordern.

MfG
Dr.med. Dipl.Ing. Dipl.Wirtsch.Ing. Siegfried Lehr

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Antwort
von Christian Ude am 08. März 2012
Christian Ude

Sehr geehrter Herr Dr. Lehr,

ein dichtes Kanalnetz sowie dichte Grundstücksentwässerungsanlagen schützen Boden und Grundwasser. Undichtheiten bei Abwasserleitungen bedingen zwei grundsätzliche Gefahren:

Schmutzwasser dringt aus den Leitungen aus und versickert im Erdreich, was zu Verunreinigungen des Bodens und des Grundwassers führt. Zudem kann es bei ständigem Austreten von Schmutzwasser durch die Ausspülung von Feinteilen zu Setzungen und schwerwiegenden Rohrschäden bis hin zum Einsturz kommen.
Liegen Leitungen im Grundwasser, kann dieses eindringen und muss als sogenanntes Fremdwasser zusätzlich abgeleitet werden. Dadurch verringert sich die Kapazität der privaten Leitungen wie der städtischen Kanäle. Außerdem verursacht das abgeleitete Fremdwasser zusätzliche Kosten, da es in den Kläranlagen behandelt werden muss.

Mit einer Kamerainspektion kann nur der Zustand der Leitungen, nicht aber die Dichtheit festgestellt werden. Undichte Stellen an den bestehenden Leitungen durch eine Dichtheitsprüfung mit Luft oder Wasser können nicht entstehen, denn es wird nach DIN 1986-30 nur ein Druck von höchstens 0,5 m Wassersäule aufgebaut. Dieser Druck ist wesentlich geringer als der Druck, der im Kanalnetz auftritt, wenn es z.B. bei Starkregen zu einem Rückstau kommt.

Bei neuen Leitungen ist nach DIN EN 1610 ein höherer Druck bei der Prüfung aufzubringen; diesem halten die zur Anwendung kommenden neuen Dichtungsmaterialien problemlos Stand. Das Eindringen von Grundwasser ist durch eine Kamerainspektion leider nicht immer erkennbar, da die Grundwasserstände erheblich schwanken.

Dass undichte Abwasserleitungen sofort zugekalkt werden, ist uns nicht bekannt. Querschnittsreduzierungen durch Kalkablagerungen treten bei Trinkwasserleitungen auf. Bei Abwasserleitungen gibt es zwar Selbstabdichtungseffekte durch Inhaltsstoffe im Abwasser, deren Wirkung ist aber nicht dauerhaft.

Aufgrund der Gesamtsituation bleibt daher nur die Wasser- und Luftdruckprüfung, um verlässlich die Dichtheit der Anlagen festzustellen. Diese Prüfmethode liefert zudem objektiv nachvollziehbare Ergebnisse, hält die Kosten verhältnismäßig niedrig und hat sich in der Praxis bewährt. In München sind bereits 44% der erdverlegten Leitungen (einschließlich neuer Leitungen) mit Wasser- oder Luftdruck in Anwesenheit eines Kontrollmeisters der Münchner Stadtentwässerung auf Dichtheit überprüft und gegebenenfalls saniert worden.

Mit freundlichen Grüßen