Die Amtszeit von Oberbürgermeister Christian Ude endete nach über 20 Jahren am 30. April 2014.

Es können keine neue Fragen mehr gestellt oder bewertet werden. Bisherige Anfragen und Antworten sind weiterhin sichtbar.

Beantwortet
Autor Bernd Raab am 15. Februar 2011
9299 Leser · 114 Stimmen (-1 / +113) · 0 Kommentare

Umwelt und Gesundheit

Gleislager Neuaubing

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Ude,
der Landesbund für Vogelschutz ist Bayerns größter Arten- und Biotopschutzverband und setzt sich seit langem gerade auch für Flora und Vegetation Bayerns aktiv ein. Sein Arbeitskreis BOTANIK ist ein bundesweit geschätztes und geachtetes Fachgremium. Mit Bestürzung haben wir von unserer Geschäftsstelle in München von großflächigen Rodungs- und Erdarbeiten im ehemaligen Gleislager Neuaubing erfahren. Dieses Areal ist in Bayern botanisch von herausragender Bedeutung. So kommen hier Arten vor, z.B. Habichtskräuter, die weltweit nirgendwo anders zu finden sind. München trägt für deren Erhalt nicht weniger Verantwortung als etwa Russland für den sibirischen Tiger.

Das Gelände ist seit langem Gegenstand intensiver Erhebungen, unter anderem durch die Arbeitsgruppe Flora München, einer Gruppierung innerhalb der Bayerisch botanischen Gesellschaft. Die Rodung ist für uns umso unverständlicher, als die Erkenntnisse vom Wert der Flora des Areal den Behörden bekannt sind. Man kann sich daher nicht mit Unwissen von der Bedeutung der Fläche aus der Verantwortung stehlen.
München will, so ist uns bekannt, auch als „Umweltstadt“ glänzen. Dazu aber gehört unseres Erachtens auch der Erhalt der Biologischen Vielfalt und die Übernahme von Verantwortung für besonders seltene und/oder gefährdete Arten.
Es kann nicht angehen, dass für die Zauneidechse alle Schutzanstrengungen innerhalb der Bauleitplanung unternommen werden und gleichzeitig weltweit einmalige Vorkommen sang- und klanglos abgeschoben werden. Noch dazu, wo nach unseren Informationen Alternativen möglich wären.

Bitte stoppen Sie umgehend die Rodungsarbeiten im Gleislagerbiotop.

Bitte prüfen Sie Alternativen zum dort geplanten Bauvorhaben. In unmittelbarer Nachbarschaft des Biotops stehen mehrere Flächen des Gewerbegebiets Freiham Süd seit Jahren leer und könnten Sportnutzungen aufnehmen.

Der LBV fordert Sie, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister auf, hier Flagge für den Schutz und den Erhalt der Münchner Flora zu zeigen und das Vorhaben zu stoppen.

Bitte beantworten Sie die Frage, warum hier so zerstörerisch in wertvollste Flora eingegriffen wird.

mit freundlichen Grüßen

Bernd Raab
Referat Artenschutz
Leiter des Arbeitskreise BOTANIK im LBV
Abtl. Geobotanik, GIS und §59

+112

Über diesen Beitrag kann nicht mehr abgestimmt werden, da er bereits beantwortet wurde.

Antwort
von Christian Ude am 26. Mai 2011
Christian Ude

Sehr geehrter Herr Raab,

das Planungsreferat hat den Vertretern des Landesbunds für Vogelschutz (LBV) die seit langem geplante Maßnahme bereits Anfang 2010 ausführlich erläutert. Die Maßnahme, die mit der jetzt erfolgten Rodung südlich des Sportgeländes begonnen wurde, hat zwei Ziele:

Die Maßnahme dient zum einen der Erschließung des Ausbesserungswerks Neuaubing. Dort befinden sich denkmalgeschützten Hallen, die bisher nicht bzw. nur höchst unzureichend nach Norden über das Wohngebiet an der Papinstraße erschlossen sind.

Dass die Anbindung in Ost-West-Richtung auf die bestehende Centa-Hafenbrädl-Straße führen soll, ist in mehreren Stadtratsbeschlüssen vorbereitet worden. Wie wir bereits 2010 erläutert haben, erfolgt die Erschließung zunächst als Privatstraße der Aurelis - darauf hat der Eigentümer eines unzureichend erschlossenen Grundstücks Anspruch. Die Lage am Nordrand des Gleislagerbiotops ist in zahlreichen Verfahren und Diskussionen abgeprüft worden. Sie ist nach Auffassung aller Fachleuten der geringst mögliche Eingriff.

Zum zweiten dient die Maßnahme der Arrondierung des ESV Neuaubing nach Süden hin. Die Tennisplätze, die heute am Rande des Gleislagerbiotops liegen, werden aus dem Gleislagerbiotop an den Südrand des bestehenden Sportvereins gelegt. Das dadurch freiwerdende Gelände kann dann endgültig dem Gleislager Biotop zugeschlagen werden.
Dem Eingriff steht daher ein qualitativ hochwertiger Ausgleich gegenüber.

Die naturschutzfachliche Wertigkeit des Gleislagers war dabei allen Planungsbeteiligten sehr wohl bewusst und wurde in alle Überlegungen miteinbezogen.

Eine Erschließung durch das nördlich gelegene Wohngebiet war – dies ist mehr als einmal untersucht worden - aufgrund der Lärmbelästigung ausgeschlossen. Die Situierung der Erschließungsstraße im nördlichen Teil des Gleislagers im Zusammenhang mit der Verlagerung der Tennisplätze in den Norden der Straße bei gleichzeitiger Renaturierung der ursprünglichen Tennisplatzfläche wurde vor diesem Hintergrund als die zielführendste Lösung gesehen:

Die Eingriffe erfolgen in einen Bereich, der im Vergleich zum zentralen Gleislagerbereich eine weniger hohe Qualität aufweist (da sich hier ursprünglich Kleingärten befanden). Diese Trassierung führt zu erheblich geringeren Eingriffen als eine alternativ denkbare mittige Erschließung weiter südlich.

Der ursprüngliche Tennisplatzbereich im Süden der Erschließungsstraße wird renaturiert, so dass das Gleislagerbiotop arrondiert und als zusammenhängende Fläche entwickelt und langfristig erhalten wird. Die Ausweisung als Landschaftsbestandteil wird derzeit vorbereitet. Die Entwicklung des bisherigen Tennisplatzareals bietet die Chance, magere Pionierstandorte zu entwickeln, auf die ein Großteil der wertgebenden Tier- und Pflanzenarten angewiesen ist und die derzeit bereits im Rückgang sind.
Somit gehen ca. 15.000 qm des insgesamt ca. 140.000 qm großen Gleislagers, ca. 11% der Gesamtfläche, verloren. Die Verluste werden in vollem Flächenumfang ausgeglichen.
Die Straße bildet künftig die Grenze des Biotops. Ohne Tennisplatzverlagerung würde sie das Gleislagerbiotop zerschneiden und eine Gefahr für querende Zauneidechsen darstellen.

Als Grenzstraße kann sie durch eine Trenneinrichtung für Eidechsen abgeschnitten werden. Im Bereich der Vernetzungsachse wird in die Straße eine spezielle aufwändigere Eidechsenquerung integriert.

Die planerische Konzeption ist tatsächlich seit Jahren im Bereich der verschiedenen Bebauungspläne verfolgt und gegenüber Überlegungen, die Straße mittig durch das Biotop zu führen, präferiert worden. An vielen Stellen des langwierigen Prozesses wurden auch die Naturschutzverbände informiert. Im Rahmen eines großen Informationstermins mit dem Investor im Februar 2010 wurde die gesamte Maßnahme dem Landesbund für Vogelschutz und dem Bund Naturschutz vorgestellt. Aufgrund der massiven Kritik der Verbände, keine Möglichkeit der Beteiligung zu haben, wurde die Straße in die Bebauungsplanung miteinbezogen.

Parallel wurde der Bezirksausschuss informiert und die Thematik in der lokalen Presse behandelt.

U.a. aufgrund der frühen Einschaltung des Naturschutzbeirates waren eine Reihe von naturschutzfachlich wichtigen Maßnahmen durchsetzbar. Im Laufe des Prozesses stieg die Akzeptanz des Investors für die Notwendigkeit dieser nicht jedem Bauherrn leicht zu vermittelnden Belange.

Aus Sicht des Planungsreferats spiegelt dieses Planungsverfahren einen schwierigen Prozess wider, der jedoch insgesamt als konstruktiv bezeichnet werden kann.

Wir bedauern, dass die aktive Einbindung der Naturschutzverbände, die wir über die gesetzlich vorgesehenen Beteilligungspflichten hinaus versucht haben, beim LBV so wenig Anklang gefunden hat. Die Planungsprozesse waren interdisziplinär - und gerade im vorliegenden Fall - unserer Meinung nach auch transparent und abgewogen. Letztlich liegt es wohl an der Langwierigkeit und Komplexität der Verfahren, dass diese für nicht direkt an der Planung Beteiligte so schwer verständlich sind. Wir bedanken uns dennoch für Ihr Engagement.

Mit freundlichen Grüßen