Die Amtszeit von Oberbürgermeister Christian Ude endete nach über 20 Jahren am 30. April 2014.

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Beantwortet
Autor Wilhelm Osiander am 29. März 2010
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Politik und Verwaltung

Gewissensfrage

Werter Herr Oberbürgermeister.

Ich gehe davon aus, dass Ihnen als bekennender Freund von Kunst, Kultur und Muße das im Vergleich dazu wohl eher trivial zu bezeichnende Vereinsleben der Münchner Löwen nicht als grosse Herzensangelegenheit ausgelegt werden kann. Gleichwohl sollten Sie sich als städtisches Oberhaupt der Verantwortung stellen, die Sie sich nicht zuletzt in Ihrer Funktion als ehemaliger Aufsichtsrat in Zusammenarbeit mit dem seinerzeitigen Präsidenten Wildmoser auferlegt haben. Ihrem seit Jahren gebetsmühlenartig gepredigten, kategorischen Nein zur Option Grünwalder Stadion sollte daher nun endlich auch von Ihrer Seite eine persönliche und zielführende Stellungnahme erfolgen, wie Sie sich die Zukunft des TSV 1860 vorstellen, zu dessen augenblicklichem, finanziellen Missstand Ihre Entscheidung pro Allianz-Arena-Beteiligung nicht unerheblich beigetragen hat.

Vielleicht ist es aus Ihrer Sicht dem Gros der Münchnerinnen und Münchnern gegenüber nicht vermittelbar, nach dem Großprojekt WM-Arena vor gerade mal 5 Jahren nun erneut den Weg für ein modernes Stadion in Giesing zu ebnen. Zumal rein sportpolitisch mit der Olympia-Bewerbung der Fokus bereits auf die nächste Großveranstaltung ausgerichtet ist. Dennoch bleibt Ihnen wie auch der Stadt München die erwähnte Verantwortung haften - schließlich war es mitunter auch dem TSV 1860 zu verdanken, dass der seinerzeitige Bürgerentscheid pro neutrale München-Arena fallen und somit unsere Stadt von den wirtschaftlichen Vorzügen der WM 2006 profitieren konnte.

Ich bitte Sie daher - auch im Namen vieler Freunde und Sympathisanten des TSV 1860 - dass Sie einen Weg suchen, dem Verein wieder auf gesunde Beine zu helfen. Meines Erachtens ist dies nur mit dem Ausstieg aus der nachweislich viel zu teuren Allianz-Arena möglich. Geben Sie daher den zuletzt vorgelegten Umbauplänen nochmals eine Chance. Es ist die einzige, die unsere Löwen mittel- bis langfristig das Überleben sichert.

Können wir auf Sie zählen, Herr Oberbürgermeister?

Es grüsst Sie
Wilhelm Osiander

+258

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Antwort
von Christian Ude am 30. April 2010
Christian Ude

Sehr geehrter Herr Osiander,

Ihr Brief wirft gleich mehrfach die Frage auf, wie Sie es mit der Logik halten. Im ersten Satz unterstellen Sie mir, das Vereinsleben der Münchner Löwen zu vernachlässigen, aber einige Zeilen später erinnern Sie selber daran, dass ich Aufsichtsratsmitglied der Löwen war. Das war ich in der Tat von 1996 bis 2009, also 13 Jahre lang. Obwohl ich schon im Jahr 2000 offen und ehrlich gesagt habe, dass ein Stadionneubau an der Grünwalder Straße schon aus Rechtsgründen ausgeschlossen ist, bin ich immer und immer wieder als Aufsichtsrat wiedergewählt worden, bis ich das dienstälteste Mitglied war.

Mit vollem Recht verweisen Sie darauf, dass die Zweidrittel-Mehrheit der Münchner Bürgerschaft zugunsten der Allianz-Arena „auch dem TSV 1860 zu verdanken“ war. Das stimmt. Ohne die Unterstützung dieses Projektes durch den TSV 1860 und die Unterstützung des Bürgerentscheids durch zahlreiche Löwen-Fans wäre der Beschluss der Bürgerschaft zumindest nicht in dieser Eindeutigkeit zustande gekommen. Wieso aber versuchen Sie dann, die Verantwortung für die Arena-Entscheidung auf ein einzelnes Aufsichtsrats-Mitglied abzuwälzen?

Sie beklagen mein angeblich „gebetsmühlenartig gepredigtes Nein“ zu einem Stadionneubau an der Grünwalder Straße. Damit geben Sie immerhin zu, dass die Rechtsauffassung der Landeshauptstadt bereits seit zehn Jahren bekannt ist und sich zu keinem Zeitpunkt geändert hat. Wer einen Neubau für möglich hält, hätte also ein Jahrzehnt lang Zeit gehabt, die städtische Rechtsauffassung zu widerlegen. Dies ist aber nicht geschehen, es hat nicht einmal einen ernsthaften Versuch gegeben. Die einige Wochen nach der endgültigen Beschlussfassung des Münchner Stadtrats eingereichten Planskizzen sind mit zwingenden Rechtsvorschriften des deutschen Planungs- und Baurechts nicht vereinbar und sehen außerdem eine finanzielle Unterstützung von mindestens 35 Millionen Euro durch die Landeshauptstadt vor, die sowohl nach der Bayerischen Haushaltsordnung als auch nach europäischem Beihilferecht unzulässig wäre. In Wahrheit ist der Finanzbedarf aber noch viel größer, da beispielsweise vier große Brückenanlagen bei der Kostenschätzung willkürlich ausgeklammert blieben.

Neben diesen rechtlichen und finanziellen Hindernissen ignorieren Sie aber auch die politischen Realitäten. Die „Stadtteilparlamente“ beider betroffenen Stadtviertel haben sich einhellig gegen Neubaupläne ausgesprochen. Dieses einmütige Votum von gleich zwei Stadtbezirken kann nicht einfach unbeachtet bleiben. Der Münchner Stadtrat hat im Dezember letzten Jahres einstimmig die Drittliga-taugliche Sanierung des städtischen Stadions beschlossen und damit weitergehenden Plänen einstimmig eine Absage erteilt. Die Bürgerschaft hat – wie Sie richtig schreiben auch dank des TSV 1860 – mit Zweidrittel-Mehrheit die Entscheidung herbeigeführt, 200 Millionen Euro an öffentlichen Geldern für die Verkehrserschließung dieses von beiden Münchner Clubs geforderten reinen Fußballstadions für alle Münchner Mannschaften in der Bundesliga bereitzustellen.

Gleichwohl haben Sie Recht, dass die vom TSV 1860 seinerzeit als Miteigentümer getroffenen Regelungen und geschlossenen Verträge aus heutiger Sicht wirtschaftlich nicht verkraftbar sind. Da Sie mich nach meinem Vorschlag fragen, wie der Verein wieder auf gesunde Beine kommen könnte, darf ich Sie darauf hinweisen, dass ich mich dazu bereits öffentlich geäußert habe mit einer positiven Stellungnahme zu Plänen, ins Olympiastadion zurückzukehren. Eine solche Rückkehr setzt aber wie jeder Auszugsplan aus der Arena zwingend voraus, dass sich Sechzig mit dem Vermieter über eine vorzeitige Vertragsbeendigung einigen kann. Bis Anfang April haben nicht einmal Gespräche mit dem Vermieter und dem FC Bayern stattgefunden. Wer ist hier desinteressiert? Übrigens habe ich nach dem Beginn der Stadion-Debatte Mitte der 90er Jahre einige Jahre lang öffentlich beide Fußball-Clubs vor den Kosten eines clubfinanzierten Neubaus gewarnt und auf die Wirtschaftlichkeit des Olympiastadions hingewiesen. Dies ist von Fan-Gruppen der Löwen genauso entrüstet zurückgewiesen worden wie von Bayern-Fans – mit dem belehrenden Hinweis, die Stadt solle sich nur um die planungsrechtlichen Voraussetzungen und nicht um die Finanzen der Fußball-Vereine kümmern.

Zu Ihrer letzten Frage: Sie können immer auf mich zählen, wenn es darum geht, durch rechtlich zulässige, finanzierbare und politisch durchsetzbare Entscheidungen die Zukunft von 1860 zu sichern. Sie können sich aber auch darauf verlassen, dass ich Ihnen niemals unerfüllbare Versprechungen mache, nur um ein paar Momente lang den Beifall von Fußball-Fans zu genießen, die anschließend einer jahrelangen Enttäuschung und Verbitterung ausgeliefert werden.

Mit besten Grüßen