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Autor Afrasan Adamawan am 20. Februar 2012
5174 Leser · 102 Stimmen (-31 / +71) · 1 Kommentar

Gesellschaft und Soziales

Gegen Rassismus-fördernde Sprache in der Öffentlichkeit

Sehr geehrter Herr Ude.

Immer und immer wieder werden die Verknüpfungen zwischen Alltagssprache und Rassismus angesprochen. Aber gerade weil es sich bei Alltagssprache um tradierte Begriffe handelt, die von der Mehrheitsgesellschaft als unbedenklich angesehen werden, wird oftmals jedwede Kritik an dieser Sprache abgelehnt. Zur Untermalung der angeblichen Harmlosigkeit werden dann selektierte SprachwissenschaftlerInnen herangezogen, die auf etymologischer Basis rechtfertigen wollen, dass der Ursprung eines Wortes (oder eines Bildes, Symbols) harmlos ist, und demzufolge dieses Wort auch heute als harmlos einzustufen ist - ganz im Sinne des Anspruchs einer Weißen Deutungshoheit.

Leider liegen hier gleich mehrere Trugschlüsse vor. Zum einen mag ein Wort ursprünglich ja noch so harmlos gewesen sein, das bedeutet nicht, dass sich Konnotationen und Assoziationen eines Begriffes nicht über die Jahre verändern und das Wort heute ganz andere Bedeutungen als die ursprünglich intendierten haben kann. Ferner lässt eine sprachwissenschaftliche Untersuchung des Wortstammes die kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklungen völlig außer Acht.

In Deutschland werden diese scheinbar harmlosen Farbbezeichnungen sehr häufig in rassistischen Kontexten genutzt - zum Teil bewusst, aber oft unbeholfen. Und genau diese "unschuldige" Sprachnutzung ist es, die den Alltagsrassismus schwierig anzugreifen, aber dafür umso gefährlicher und verletzender für Menschen macht. Zum Thema Alltagsrassismus wird exemplarisch verwiesen auf das Werk "Deutschland Schwarz Weiß" von Noah Sow.

Es gibt natürlich viele weitere Beispiele für diskriminierende Begriffe, die mal mehr und mal weniger kritisch gesehen werden. Oft sprechen Menschen z.B. ganz ungeniert von "getürkt", "Blondine" oder "behindert". So harmlos diese Begriffe für Menschen der Mehrheitsgesellschaft sein mögen, so schmerzhaft sind sie doch für die Betroffenen. Wenn diese Begriffe von Institutionen, wie Behörden und Medien, genutzt werden, steckt zusätzlich auch institutionelle Macht dahinter, die sich nicht nur in Verletzungen, sondern in institutionalisiertem Rassismus widerspiegelt.

Wenn Sprachbilder derartige Risiken mit sich führen, stellt sich die Frage, ob das Festhalten an sprachlichen Traditionen wichtiger ist als das Korrigieren aller diskriminierenden Konnotationen und deren institutionellen Folgen. Die meisten Menschen denken bei Redewendungen nicht an Folgen, es gibt oft keine negative Absicht. Es geht dabei aber nicht nur darum, was Menschen bei der Verwendung eines Begriffs oder dem ausführen einer Handlung meinen oder welche Bedeutung oder Intention mit einem Begriff oder einer Handlung von den Akteuren assoziiert wird; es kommt vor allem darauf an, ob die Betroffenen den Begriff als rassistisch und diskriminierend erleben.

Nein, nicht jede wird verletzt durch vermeintlich witzig gemeinte Zuschreibungen wie "du Schokolade" oder "du Schwarzfahrer". Aber das ist auch nicht der Punkt, denn es gibt sehr viele Menschen, die nicht nur durch solche Zuschreibungen verletzt, sondern die in verschiedensten Kontexten diskriminiert werden (Stichwort "Racial Profiling") - individuell, institutionell, strukturell. Eine Verniedlichung der rassistischen Konnotationen in Sprache hat ganz klar zur Folge, dass der Rassismus in der Mitte der Gesellschaft nicht eingedämmt, sondern gestärkt wird und somit den Nährboden für Monokulturalität und Rechtsradikalismus düngt. Das darf nicht sein!

Die aktuelle Debatte zeigt erneut, dass es der Mehrheitsgesellschaft bisher nicht gelungen ist, einen Paradigmenwechsel zu vollziehen und rassistische Begriffsbildungen und rassistische Handlungen aus der Perspektive der Betroffenen zu betrachten. Gäbe es keinen Rassismus mit Blick auf die Hautfarbe, bräuchten wir auch keinen Diskurs über rassistische Begriffe führen. Aber es gibt Rassismus in der Mitte der Gesellschaft, und dagegen müssen wir immer und überall vorgehen!

Ich, Afrasan Adamawan, unterstütze daher die Forderung des Stadtrats Orhan Akman und verlange nicht nur eine nicht-rassistische und zielführende Bezeichnung für das Fahren ohne gültigen Fahrausweis, mein Vorschlag: "Fahren ohne gültigen Fahrausweis!", sondern fordere außerdem eine Untersuchung der alltagssprachlichen Muster auf Begriffe und Zuschreibungen mit diskriminierender Konnotation sowie eine konsequente Ersetzung solcher Rassismus-fördernden Begriffe in der Öffentlichkeit, bei staatlichen und privaten Institutionen.

Mit antirassistischem Dank und Gruß
Afrasan Adamawan

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Kommentare (1)Schließen

  1. Autor Maria Käser
    am 21. Februar 2012
    1.

    Sehr geehrter Herr Adamawan,
    ich muß gestehen, daß Ihr ganzer Beitrag und Ihre Argumentation nur noch kopfschütteln und völliges Unverständnis hervorrufen. Wir leben in Deutschland und Sie kritisieren Wörter, Begrifflichkeiten und eine Sprache die es in dieser Form seit vielen, vielen Jahren so gibt, und das ohne jeglichen rassistischen Hintergrund! Man kann natürlich überall und bei jedem Rassismuss vermuten, herauslesen und heraushören, aber um es mit einem bayerischen Sprichwort zu benennen; man sollte die Kirche im Dorf lassen! Ich als Deutsche empfinde es zumindest als Anmaßung und Unverschämtheit, wenn Menschen die in dieses Land zugewandert sind, sich als politisches Hauptziel die Änderung unserer Sprache auf die Fahne geschrieben haben.
    Mit antirassistischem Gruß
    K. Kneißl

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