Die Amtszeit von Oberbürgermeister Christian Ude endete nach über 20 Jahren am 30. April 2014.

Es können keine neue Fragen mehr gestellt oder bewertet werden. Bisherige Anfragen und Antworten sind weiterhin sichtbar.

Beantwortet
Autor Gabriele Bauer am 07. Oktober 2011
8424 Leser · 95 Stimmen (-0 / +95) · 4 Kommentare

Sonstige

Die Wiesn verliert ihren Charakter

Sehr geehrter Herr Ude,
als eingefleischte Münchnerin betrachte ich die Entwicklung der Wiesn in den letzten Jahren mit großer Sorge.
Die Wiesn und ihre Umgebung artet immer mehr zur Dauer-Partyzone v. a. junger Leute, zum Massenansturm v. a. Trinkwütiger aus aller Welt und zur Gewinnmaximierung der Wiesnwirte aus.
Ich selbst trinke auch mal gerne Bier und habe auch gegen Feiern hin und wieder gar nichts einzuwenden.
Früher konnte ich mich auf den Geruch frisch gebrannter Mandeln freuen, wenn ich über die Wiesn ging. Heute riecht es stellenweise (die Stellen werden immer mehr) so richtig nach Kloake.
Sie werden mir wohl vorschlagen, ich solle auf die Oide Wiesn ausweichen. Für Familien ist sie sicher das richtige Rückzugsgebiet. Doch kann die Oide Wiesn die "richtige" Wiesn, die, wie NIRGENDWO sonst auf der Welt, so viele Nationalitäten (meist friedlich) zusammen bringt, NICHT ERSETZEN. Außerdem ist die Mischung aus traditionellem und modernem Musikangebot die richtige Antwort auf sich ändernde Zeiten.

Es ist die "richtige" Wiesn, die ihren Charakter verliert.
Wie sehen Sie es?
Wie sehen Sie es,

- wenn immer mehr Jugendliche, z. T. erst 16-Jährige, am Wochenende schon morgens in die Zelte stürmen und saufen? Wenn sich Jugendliche vorher schon draußen am Wiesnrand mit Flaschenbier einstimmen?

- wenn im Zelt immer wieder Einzelne unter ohrenbetäubendem Gejohle der Umgebung ihre volle Mass auf Ex trinken oder ihnen das Bier eingeflößt wird?

- wenn einem am Wochenende (wie es während der Woche ist, weiß ich nicht) schon um 10:30 Uhr ungehemmte wilde Biesler begegnen?

- wenn am Wochenende im Zelt Bereiche, die laut Beschilderung nicht reserviert sein dürften, dann doch reserviert sind?

- wenn das Bier grundsätzlich schlecht eingeschenkt ist, schon bedingt durch den oft großen Schaumanteil? Größere Masskrüge wären notwendig. Die Wirte wehren sich, wegen der zusätzlichen Ausgaben und der Gewinnminderung.
Genauso wehren sie sich (noch?) gegen die für Gäste wirklich praktischen Biertischnetze.

- wenn man am Wochenende als Normalbürger schon um 10:30 Uhr keinen Platz mehr im Zelt oder im Garten bekommt? Wir hätten diesmal sogar Marken von zwei Zelten dabei gehabt, die wir nicht einlösen konnten.

- wenn man an einem Samstagabend mit dem Radl von der Wiesn (weil überfüllt) in die Innenstadt weiterfährt und man vor lauter Angetrunkener auch z.B. am Hauptbahnhof kaum weiterkommt? So viele Trinkwütige sind wegen Überfüllung der Wiesn auf andere Lokalitäten ausgewichen.

- wenn man auf dem Heimweg von der Innenstadt stadtauswärts erst ab der DONNERSBERGERBRÜCKE stressfrei radeln kann, weil bis dahin die Straßen von Angetrunkenen bevölkert waren?

Natürlich sehe ich auch das Positive. Ich sehe, dass es weiterhin relativ wenig Gewalt gibt/gab, die Qualität des Essens weiterhin wirklich gut ist und dass die Touristen weiterhin kommen.

Trotzdem befürchte ich aus den genannten Gründen, und da sind alle meine Freunde und Verwandte (es sind einige Münchner dabei) meiner Meinung, dass sich der Charakter der Wiesn schleichend so verändert, dass nur noch ein bestimmtes Klientel die Wiesn besucht/besuchen wird.

Das wäre sehr schade, zumal die Wiesn bisher wirklich etwas Besonderes darstellt und so viele Nationalitäten (und Brauereien) friedlich vereinigt.

Mit freundlichen Grüßen

+95

Über diesen Beitrag kann nicht mehr abgestimmt werden, da er bereits beantwortet wurde.

Antwort
von Christian Ude am 28. Dezember 2011
Christian Ude

Sehr geehrte Frau Bauer,

lassen Sie mich mit Ihrem Schlusssatz beginnen. Die Wiesn ist wirklich eine besondere Veranstaltung, ein völkerverbindendes Fest, auf das die Welt schaut und um das uns alle Welt beneidet. So sehr dieses Fest in der Tradition Münchens als bayrischer Metropole verankert ist, so sehr ist es andererseits dem Wandel unterworfen. Die Wiesn hat in ihrer nun über 200-jährigen Geschichte immer wieder ihr Gesicht geändert. Das ist allein schon dem technischen Fortschritt bei Fahrgeschäften oder im Brauereiwesen geschuldet. Ebenso sind Moden bei Musik und Tanz an der Wiesn nicht spurlos vorüber gegangen. Insofern ist die Wiesn bei aller Traditionspflege immer auch ein Kind der Zeitgeschichte. Ich denke, dass sie dabei aber nie ihren charakteristischen Charme verloren hat.

Leider sind bei einem Fest von der Größe des Oktoberfests Schattenseiten unvermeidlich. Nicht zuletzt der Alkoholkonsum bringt verschiedene Probleme mit sich. Sie haben ja eine ganze Reihe unschöner Beispiele aufgezählt. In der Tat sehe auch ich verschiedene Entwicklungen rund um die Wiesn mit wachsender Sorge. Dies betrifft vor allem die Zunahme von schweren Gewaltdelikten, aber auch die Strömung, aus der Wiesn einen bayrischen Ballermann zu machen.

Allerdings sieht die Stadt nicht untätig zu. Wo die Stadt Fehlentwicklungen oder gar Exzesse feststellt, setzt sie auf geeignete Maßnahmen, um diesen zu begegnen. So wird die Versorgung mit sanitären Einrichtungen ständig verbessert, in den Zelten gilt, dass die Musik am Nachmittag nicht aufreizend sein darf, das Kreisverwaltungsreferat prüft ständig die Schankmoral der Wirte, Polizei und Jugendamt haben ihre Kontrollen verstärkt und sind präventiv tätig. Durch logistische Verbesserungen reagieren Stadt und Verkehrsbetriebe auf den Druck, der durch die immerhin sechs Millionen Besucher auf die öffentlichen Verkehrsmittel und die Straßen rund um das Festgelände entsteht.

Dies sind nur ein paar Beispiele dafür, wie die Stadt in Zusammenarbeit mit anderen Behörden und Verbänden ständig an der Lösung von Problemen rund um die Wiesn arbeitet. Die Wiesn soll schließlich ein Fest bleiben, bei dem sich alle Generationen und Nationen wohl fühlen.

Mit freundlichen Grüßen


Kommentare (4)Schließen

  1. Autor Martina Schulze
    am 07. Oktober 2011
    1.

    Als Anwohner (Parkraumgebiet Theresienhöhe) haben wir damals gewusst, dass wir das Oktoberfest neben uns haben, aber nicht, dass es sich SO grauenvoll entwickelt.
    Herr Ude - Sie verkünden Zahlen und Frieden, aber dieses Fazit ist rosarot. Wenn es so friedlich wäre, würden nicht wochenlang nonstop Sirenen ertönen! Geschäfte im Viertel haben Bodyguards, und Einkaufen am Samstagmorgen wird zur Ekeltour. Im MVG wird vorgeglüht ohne Ende (woanders wird Alkohol im öffentlichen Nahverkehr verboten).
    Das Parkraummanagement ist katrastrophal!! Es stehen zwar Schilder an den Eingängen des Westends, liegen aber oft auf der Erde, sind umgedreht, kontrolliert wird es eh nicht - unser Viertel ist zugeparkt mit Autos, die dort nichts zu suchen haben. Anwohner (30 €/Jahr für den Parkausweis!) können 16 Tage die Fahrzeuge nicht fortbewegen - tun wir es dennoch, suchen wir 1 Stunde, bis endlich mal jemand wegfährt. Beruflich nutzen wir MVG, aber nach einem stressigen Arbeitstag mit der U5 heimzumüssen, grenzt an Körperverletzung.
    Auch wir gingen gerne auf die Wies´n - jetzt nicht mehr, und hören, auch von "uralten" Bayern, dass niemand mehr Lust hat, weil es zum Ekelfaktor wird. Eine Schamgrenze gibt es bei den betrunkenen Besuchern nicht mehr - sie verrichten ihre Geschäfte überall.
    Es muss 2012 mehr Personal her. Zum Schutz diverser Wiesn-Gäste, die sich nicht mehr kontrollieren können. Es kann nicht angehen, dass besonders Jugendlichen, die schon betrunken dort ankommen, noch Bier ausgeschenkt wird. Aber auch zum Schutz der Anwohner - Theresienhöhe und Schwanthalerhöhe sind ein Wohngebiet, und die Bewohner müssen arbeiten, schlafen, einkaufen können, und auch mal ihr Auto benutzen dürfen.
    Ein Lob übrigens an die Stadtreinigung: wenn ihr nicht jeden Morgen schon um 6:00 (was natürlich an Wochenenden für Anwohner ein sehr frühes Erwachen bedeutet :-) fleissig die Straßen säubern würdet, würden wir jeden Morgen ausrutschen.
    Grüße, Martina Schulze

  2. Autor Andreas Rohe
    am 09. Oktober 2011
    2.

    "Kloake" ist die richtige Bezeichnung...Und es sind nicht nur "Biesler" - alle Arten von "Geschäften" werden verrichtet.
    Als Anwohner muss ich ab Hackerbrücke mit der S-Bahn zum Job - schauen Sie mal, wie es dort am frühen Morgen aussieht, und mit wieviel Aufwand die Kloake beseitigt werden muss. Schauen Sie sich auch den Hang zwischen den Zelten und unserem Wohnviertel (in dem auch viele Kinder wohnen!) an - Slum ist ein harmloses Wort für diesen "Zustand". Nichts wird unternommen. Es wird zugeschaut, wie ein ganzes Wohnviertel in Chaos, Gröhlen, Dreck und Gestank versinkt. Gäste, die schon morgens stark alkoholisiert auf der Wies´n ankommen, werden noch bedient, statt nach Hause geschickt. Vorgeglüht wird in öffentlichen Verkehrsmitteln und an den Fahrzeugen und auf Parkplätzen (s. z.B. mit viel Lärm auf dem Lidl-Parkplatz in der Westendstraße - ab morgens früh um 6, wie uns eine Anwohnerin berichtete).
    Einen friedlichen Platz findet man auf der Wies´n höchstens unter der Woche am frühen Nachmittag - am Wochenende, wenn man als Anwohner auch Besuch bekommt, müsste man sich morgens früh um 8 schon anstellen (und WIR haben nicht das Bedürfnis, zum Frühstück schon Alkohol zu trinken).

    Dem Kampftrinken, dem Einlaß zum Wiesn-Gelände von bereits Betrunkenen, dem Toilettengang auf Wies´n, in Straßen und Einfahrten, den wochenlangen nächtlichen Ruhestörungen muss durch stärkere Einsätze von Personal Einhalt geboten werden.
    Die Wies´n ist außer Kontrolle geraten - da hilft auch alle Schönfärberei nichts. Sie hat nichts mehr mit fröhlichem Feiern zu tun - eher mit Besinnungslosigkeit und dem Aufheben sämtlicher Schamgrenzen und zwischenmenschlicher Rücksicht.

    Wenn man nicht nur das €-Zeichen im Auge hätte, gäbe es viele Ideen, wie man wieder zu einer wirklich friedlichen Wies´n käme..... Das Rauchverbot wurde durchgesetzt, weil Rauchen Mitmenschen schadet. Warum sind nicht Alkoholbegrenzungen denkbar - denn was da abgeht, schadet ganz gewiß vielen Mitmenschen.

  3. Autor Stephan Hannemann
    am 14. Oktober 2011
    3.

    Dass man in Bayern nicht mehr rauchen darf, gleichzeitig aber den Alkoholtod auf der Wiesn sterben darf bzw. im stark alkoholisierten Zustand, Menschen belästigen, bedrängen, verletzen oder gar töten darf, passt zu der katholischen Doppelmoral. Zur Wiesnzeit ist einfach alles erlaubt, danach spielt man wieder auf Tradition, wählt die CSU und geht zur Beichte. Solange die Massen das mitmachen werden wir den jährlichen Wiesn-Sumpf wohl leider weiter ertragen müssen.

  4. Autor Robert Strittmatter
    am 22. November 2011
    4.

    Ich kann dem ganzen nur zustimmen, besonders wenn dann in den Medien von Frau Weishäupl die Wiesn als " gemütlich und friedlich "
    angepriesen bekommt. ( Die volle Verarsche ! )
    Als Promi ist das kein Problem, da wird man mit der Limo bis hinters Bierzelt gefahren und sitzt gemütlich in einer Box, die haben eine gemütliche und friedliche Wiesn, nur Otto Normalverbraucher muss sich um 5.00Uhr morgens schon anstellen das er Überhaupt eine Chance hat einen Sitzplatz zu bekommen.
    Meine Frau und ich gehen deshalb schon seit über 10 Jahren nicht mehr auf die Wiesn, wir machen zu Hause unsere eigene !
    Meine Frau macht den " Obazt´n selber
    Radieserl und Radi gibt´s im Supermarkt
    die Bretzn beim Bäcker,und
    das Wiesnbier im Getränkemarkt, und TV München übertägt live aus dem Wiesnzelt !
    Was will man mehr !!

  5. Um einen Kommentar schreiben zu können, müssen Sie angemeldet sein.