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Autor Andreas Liebau am 14. Dezember 2009
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Gesellschaft und Soziales

Die Verpflichtung der Sportvereine

Sehr geehrter Herr Ude,
 
mit den gewalttätigen Übergriffen von Jugendlichen auf ältere Mitbürger hat die bayerische Landeshauptstadt in den vergangenen Monaten für Schlagzeilen gesorgt und es zur traurigen Berühmtheit gebracht. Politik und Gesellschaft haben sich in den ersten Reaktionen auf die Vorkommnisse in den Münchner U-Bahnen und S-Bahnen auf die Agenda gesetzt, den Ursachen für die Gewalt auf den Grund zu gehen. Getrieben werden sie dabei von den Medien, die ihrerseits fragen, wieso es verstärkt zu diesem Phänomen kommt. Bei der der Prävention kommt den Sportvereinen dieser Stadt den offiziellen Verlautbarungen zufolge eine ganz besondere Bedeutung zu. Kein Zweifel: von Kindern und Jugendlichen, die Sport treiben und aktiv in das Vereinsleben eingebunden sind, geht sicherlich ein niedrigeres Aggressionspotenzial aus.
 
Allerdings sind Zweifel angebracht, ob sich die Sportvereine dieser Stadt ihrer Rolle auch bewusst sind. Lassen Sie mich auf Vorkommnisse im Bereich der Jugendabteilung des FT München-Gern hinweisen, die ich als sehr bedenklich und fragwürdig erachte, Vor ein paar Wochen wurde uns vom Trainer der Fußball E2-Jugend mitgeteilt, dass einige Kinder - darunter auch unser Sohn - nicht weiter am Training teilnehmen können, da die Halle für das Wintertraining angeblich zu klein für alle Kinder der E2-Jugend sei. Auf meine explizite Nachfrage bei der Jugendleitung wurde mir mitgeteilt, dass dies in der angeblich nicht ausreichenden Spielstärke der betroffenen fünf Kinder begründet sei. Bereits im Sommer war diesen Kindern bereits unverblümt mitgeteilt worden, dass sie im Punktspielbetrieb der Mannschaft nicht mehr eingesetzt würden. Sie wurden damit nach und nach faktisch aus der Mannschaft ausgeschlossen.
Auch vermeintlich "schwierigeren" Kindern, wurde mit der Frage an die Eltern, "ob Fußball denn der richtige Sport für ihr das Kind sei?", nahe gelegt, den Verein zu verlassen.
 
Da der Verein nicht die Möglichkeit einer Kündigung hat, wird hier offensichtlich der Versuch unternommen, die Kinder aus dem Verein zu "mobben" und zum Austritt zu bewegen.

Hie verhält sich der Verein gegen die Grundsätze des Bayerischen Fußball-Verbands, dessen Mitglied er ist.
 
Auszüge aus der Satzung des BFV zu Zweck und Aufgaben:
 
§1(4) Zweck des Verbandes ist die Förderung und Verbreitung des Fußballsports auf ausschließlich gemeinnütziger Grundlage, mit dem Ziele der körperlichen und sittlichen Ertüchtigung der Angehörigen seiner Mitgliedsvereine, insbesondere der Jugend.
 
§4(4) Die Förderung des Freizeit- und Breitensports (kurz F+B), auch aus gesundheits-, familien- und gesellschaftspolitischer Sicht;
 
Der Ausschluss von neunjährigen (!) Kindern, die grundsätzlich Spaß und Freude am Fußball und der Bewegung haben, ist mit den obigen Sätzen nicht einmal formal vereinbar.
Davon abgesehen kann ein Verein sich nicht einfach, ebenso wie Gesellschaft im Ganzen es nicht kann, versuchen, der Schwächeren zu entledigen, weil dies für ihn der einfachste und bequemste Weg ist.
 
Auch die finanzielle Förderung des Vereins, insbesondere von städtischer Seite, erfolgt unter sozialen und gesellschaftlichen Gesichtspunkten.
 
Ein Verein, der seine soziale und gesellschaftliche Verantwortung und Verpflichtung hinten an stellt und nur nach dem Leistungsprinzip geführt wird und danach seine Mitglieder aussuchen möchte, kann nicht als gemeinnütziger, eingetragener Verein auftreten, sondern muss dann eben konsequenterweise unter privater Trägerschaft geführt werden.
 
Dies lässt die Frage aufkommen, welche Pflichten den gemeinnützig ausgerichteten  Sportvereinen dieser Stadt zuzuschreiben sind?

Wir sind der Meinung, dass die Förderung des Spitzensports zweifellos eine Aufgabe der Vereine ist. Auf der anderen Seite sollten sie jedoch in erster Linie dem Allgemeinwohl verpflichtet sein. Über den Leistungsdruck in den Schulen und die Auswirkungen auf die Kinder wird oft und vergeblich diskutiert. Wir sollten uns als Münchner Bürgern jedoch lautstark dagegen wehren, wenn unsere Kinder bereits in den Sportvereinen dieser Stadt nach dem Leistungsprinzip ausgesiebt und an den Rand gestellt werden.
 
Mit freundlichen Grüßen,

A. Liebau

+18

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Antwort
von Christian Ude am 21. Januar 2010
Christian Ude

Sehr geehrter Herr Dr. Liebau,

da Sie sich mit Ihrem Anliegen auch bereits direkt an die für Sport zuständige Stadtschulrätin gewandt hatten, darf ich an dieser Stelle aus der Antwort von Stadtschulrätin Elisabeth Weiß-Söllner zitieren:

„Die von Ihnen angesprochenen sozialen Wirkungen des Sports, gerade in Bereichen wie Gewaltprävention oder Integration, die insbesondere durch die Arbeit der gemeinnützigen Sportvereine getragen werden, sind nach meiner Ansicht tatsächlich von hoher Bedeutung und leisten einen überaus wichtigen Beitrag zu einem gemeinschaftlichen Miteinander.

Insofern übernehmen die Sportvereine - gemäß dem sogenannten Subsidiaritätsprinzip - wichtige gesellschaftliche Aufgaben, die die Kommune alleine nicht zu leisten im Stande wäre.

Ihre Zweifel daran, ob sich die Sportvereine Münchens generell diesbezüglich ihrer gesellschaftlichen Rolle bewusst sind, kann ich jedoch nicht teilen. Aufgrund meiner Erfahrungen aus vielfältigen Kontakten und Gesprächen mit Vertreterinnen und Vertretern der Münchner Sportvereinen kann ich Ihnen versichern, dass diese sich ihrer hohen Verantwortung durchaus bewusst sind. Eine Häufung von „Mobbing“-Fällen oder die grundsätzliche Tendenz zum „Ausschluss“ von Schwächeren aus Münchner Sportvereinen kann ich keinesfalls erkennen. Bei über 600 Münchner Sportvereinen und über 600.000 Vereinsmitgliedern können allerdings einzelne negative Vorfälle nicht gänzlich ausgeschlossen werden.

Da in Deutschland der Grundsatz der Autonomie des Sports gilt, ein direktes Eingreifen in die Arbeit des organisierten Sports durch die Kommunalverwaltung also nicht möglich ist, stehen ein Intervenieren oder gar das Ergreifen von Sanktionen durch die Landeshauptstadt München grundsätzlich nicht zur Disposition. Ich möchte Ihnen jedoch versichern, dass es auch ein Anliegen der Stadtverwaltung ist, dass möglichst alle Kinder und Jugendlichen dauerhaft und mit Freude in München sportlich aktiv sein können.

Ich hoffe, dass Ihr Sohn trotz des Erlebten den Spaß an Sport und Bewegung nicht verloren hat und bald eine neue sportliche „Heimat“ findet.“

Mit freundlichen Grüßen